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Trauma, Transgenerationalität, Körperweisheit

11. Februar 2026

Podcast 114 | Oft übersehen – Weibliche Perspektiven auf Trauma und Prägungen

Oft übersehen – Weibliche Perspektiven auf Trauma und Prägungen

Für die heutige Folge haben wir uns selbst von einem Text inspirieren lassen. Der Text von Ailey Jolie, auf Substack mit dem Titel „The Body keeps the story” hat uns tief berührt und uns veranlasst, heute im Podcast darüber zu sprechen. Darin geht es um den blinden Fleck in der Trauma-Therapie, die sehr viel Wunderbares und Nützliches hervorgebracht hat, der es aber dennoch an spezifisch weiblichen Perspektiven mangelt. Wie funktioniert der weibliche Körper in Beziehung zu Trauma? Wie erlebt er Trauma? Und vor allem, wie reagiert er darauf, wenn das klassische „fight or flight“ über Jahrhunderte nicht möglich war? Wir besprechen den Text hier, weil er für uns wichtige, oft fehlende Puzzleteile anspricht, wenn es darum geht, warum wir als Frauen immer noch so sehr mit unseren Körpern hadern und warum es höchtse Zeit ist, unsere Körper nicht länger als Problem zu sehen, sondern als unglaublich intelligente, weise und treue Verbündete. Hör rein und lass dich inspirieren!









“The Body keeps the score”

Der bekannte Satz „The body keeps the score“ von Bessel van der Kolk hat unser Verständnis von Trauma revolutioniert. Er machte sichtbar, dass Erfahrungen nicht nur mental, sondern körperlich gespeichert werden. Doch für viele Frauen greift diese Metapher zu kurz. „Score“ impliziert zählbare Ereignisse, klare Verletzungen, ein Vorher und Nachher. Genau das aber fehlt oft in weiblichen Biografien.

Die klassischen Trauma-Modelle (Peter Levine, Bessel van der Kolk, Stephen Porges) entstanden vor allem aus der Forschung mit Kriegsveteranen, akuten Bedrohungssituationen und Tieren auf der Flucht. Sie erklären Kampf, Flucht und Erstarrung („fight, flight, freeze“) – Reaktionen auf klar erkennbare Gefahren.


Der weibliche Körper und Trauma

Doch viele Frauen wurden nicht durch einzelne Schocks geprägt, sondern durch einen langsamen, kaum sichtbaren Prozess: durch Anpassung, Selbstbeobachtung und das frühe Lernen, den eigenen Körper den Erwartungen anderer unterzuordnen („fawn“).

Statt zu kämpfen oder zu fliehen, lernten viele Mädchen zu gefallen („fawning“). Nicht laut zu sein. Nicht unbequem. Gefühle zu regulieren, bevor sie überhaupt entstehen durften. Diese Form der Anpassung – oft als „Fürsorglichkeit“ oder „Empathie“ gelobt – hat einen Preis. Sie trainiert den Blick nach außen und schwächt den Kontakt nach innen. Hunger, Müdigkeit, Lust, Grenzen: all das wird leiser, weil es nie Priorität hatte.

Der weibliche Körper speichert deshalb oft kein einzelnes Trauma, sondern eine Geschichte. Eine Geschichte davon, wie es ist, sich selbst langsam zu verlassen, ohne es zu merken. Eine Geschichte, die auch Generationen zurückreicht – zu Müttern und Großmüttern, die ebenfalls gelernt haben zu tragen, zu schweigen und zu funktionieren (siehe auch Podcastfolge 75 „Transgenerationalität – Echo der Vorfahren“ vom 14.5.2025).

 

Der Körper ist nicht das Problem!

In diesem Licht erscheint „Dysregulation“ nicht als Defekt, sondern als verständliche Reaktion auf dauerhafte Überforderung. Ein sensibles Nervensystem ist nicht zwangsläufig krank – manchmal ist es aufmerksam. Manchmal reagiert es präzise auf Bedingungen, die nie dafür gedacht waren, menschlich zu sein.

Heilung bedeutet hier nicht, etwas „loszuwerden“ oder zu entladen. Sie bedeutet, sich selbst wieder zuzuhören. Nicht nach dem einen Ereignis zu suchen, das alles erklärt, sondern zu verstehen, was der Körper all die Jahre gehalten hat. Der Körper zählt nicht. Er erzählt. Und wenn Frauen beginnen, diese Geschichte ernst zu nehmen, verändert sich etwas Grundlegendes: Symptome werden zu Zeugnissen, Anpassung verliert ihren Glanz – und Selbstwahrnehmung wird zu einer leisen, aber radikalen Form von Freiheit.

 

 

 

Ursprungstext: https://aileyjolie.substack.com/p/the-body-keeps-the-story

 

Bücher: Bessel van der Kolk „The Body keeps the score”

Peter Levine “Waking the Tiger. Healing Trauma”

Stephen Porges “The Polyvagal Theory: Neurophysiological Foundations of Emotions, Attachment, Communication, and Self-regulation

Deb Dana “Anchored: How to Befriend Your Nervous System Using Polyvagal Theory”

Janina Fisher Healing the Fragmented Selves of Trauma Survivors: Overcoming Internal Self-Alienation

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Ist weibliches Trauma anders als männliches?

In ihrem Text auf Substack „The body keeps the story” beschreibt Ailey Jolie einen sehr wichtigen, aber oft übersehenen Aspekt im Umgang mit Frauen und Trauma. Viele Frauen kommen irgendwann an diesen Punkt: Sie haben „alles richtig gemacht“. Sie kennen die Sprache der Traumatherapie, verstehen ihr Nervensystem, haben Atemarbeit, somatische Übungen und unzählige Methoden ausprobiert (siehe auch Podcastfolge 9 „Stress und das autonome Nervensystem“ vom 07.02.2024).
Und doch bleibt da dieses leise, hartnäckige Gefühl, nicht wirklich im eigenen Körper zu Hause zu sein. Als würde die Heilung im Kopf stattfinden – aber nicht ankommen.















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